Nadia Yar (nadiayar) wrote,
Nadia Yar
nadiayar

Schade, dass ihr nicht dabei wart

Немецкий перевод рассказа chenikh "Как жаль, что вас не было с нами".

Das ist eine Übersetzung aus dem Russischen. Originaltext von Chenikh: https://txt-me.livejournal.com/214152.html


Schade, dass ihr bei unserer Flucht nicht dabei wart. Die Erde brannte uns unter den Füßen, wir hatten Angst und wir lachten, wir haben Unmengen von allem zurückgelassen, sogar die Medikamente, die Blumentöpfe und die Archive in Schuhkartons (was ist wohl mit denen passiert? hat man sie verbrannt, den Verwandten zurückgegeben oder euch gegeben als Andenken?) Doch wir haben es noch geschafft, uns Leontiev und die Hunde zu schnappen. Ihr aber habt euch geweigert, mit uns durchzubrennen. Ihr wähltet lieblose Pflegerinnen, graue Bettlaken, grauen Brei zum Abendessen und die Ruhe.

So was von schade, dass ihr damals Angst hattet. [Spoiler (click to open)]

In jener Nacht starb er, Leontiev. In unserem Alter ist so was eigentlich zu erwarten, und außerdem war er widerlich, hatte ständig gejammert und sich beschwert und einen schmutzigen Schlafrock mit Streifen getragen. Wer sollte ihm also nachtrauern? Doch plötzlich waren alle alarmiert wie Hühner, in deren Stall ein Fuchs einbrach. Und in der Tat so war es. Der Todesfuchs war eingebrochen und hatte das hässlichste Huhn gefressen. Jemandem stieg der Blutdruck, ein andrer klagte über das Herz, noch jemand brauchte sein Beatmungsgerät, und zwar dringend... Die Pflegerinnen rannten von Zimmer zu Zimmer, verteilten heilsame Pillen und harte Ratschläge, sich zu beruhigen und ins Bett zu gehen. Wir legten uns hin und beschlossen, nicht länger zu warten. Wir nutzten das Durcheinander.

Schade, dass ihr nicht mit uns wart, als wir den silbernen Minibus stahlen. Wir hatten ihn uns seit längerem vorgemerkt, er stand damals viele Monate uns vor den Fenstern. Umsichtig hofften wir, dass man ihn nicht zu schnell vermissen würde. Nin sagte, dass man ein solches Auto kinderleicht startet, auch ohne Schlüssel. Und als die Zeit kam, so tat sie. Den einen Kanister Benzin hatten wir uns schon im Sommer zurückgelegt.

Wir haben Leontiev mitgenommen, günstigerweise war er auf der Trage direkt am Eingang zurückgelassen worden. Und die Trage passte großartig hinten in den Minibus rein; wir haben einen Laken zerrissen und sie gesichert, um sie vor dem Schütteln zu bewahren. Schon witzig, dass Leontiev viel verträglicher war als ihr – und sogar als er selbst wie er war vor dem Tod.

Ihr hättet sehen sollen, wie sehnsüchtig uns die beiden Straßenhunde anguckten, die die Pflegerinnen immer fütterten. Wie freudig diese beiden dummen Kreaturen in den Minibus sprangen, als Nin sagte: „Wir nehmen sie mit“ – und in der Tat nahmen wir sie mit. Bo versuchte zu protestieren, Hunde mochte er nicht so gern. Aber wir waren vier gegen einen (Leontiev enthielt sich), und so musste er nachgeben. Dafür schworen wir feierlich, dass die Hunde seine Sachen nicht einmal anfassen würden.

Schade, ihr wart nicht dabei, als wir an die See gefahren sind, nur um die Nerven nach unserer Flucht zu kühlen. Kalt ist sie, die See, im November, und baden könnte da höchstens Leontiev – dem wäre die Kälte egal. Aber wir fühlten uns trotzdem gut, nur Bo verspritzte Geifer über den ungünstig gewählten Ort. Es sei ihm unbequem, mit seiner Gecken-Krücke die steinigen Strände entlang zu gehen, und die Möwenschreie wären ihm im Hörgerät zu laut. Wir nahmen Bo das Hörgerät weg und drohten, auch seine Krücke wegzunehmen, woraufhin er deutlich netter wurde. Er streichelte sogar den saubereren der beiden Hunde.

Jeden lieben Tag kauften wir, kichernd wie Teenager, 'ne Flasche Rum im kleinen Laden in der zweiten Reihe. Kein einziges Mal haben wir es geschafft, sie zu öffnen, geschweige denn zu trinken. Wir zerbrachen die eine Flasche am Wellenbrecher, als wir das Paket viel zu sorglos hinstellten; vergaßen die nächste an der Granatapfel-Theke, und eine gaben wir 'nem trübsinnigen Landstreicher. Hoffentlich hat sie ihn ein bisschen aufgeheitert. Yo-ho-ho, wir waren die unfähigsten Piraten der Welt! Yo-ho-ho, dafür aber waren wir nicht tot. Nicht mal Leontiev, nicht mal Leontiev.

Schade, dass ihr nicht dabei wart, als unser Minibus den Geist aufgab. Glücklicherweise hatten wir uns da gerade kaum von der Stadt entfernt, wo es Autowerkstätten und höfliche Jungs mit Trossen gibt. Einer von ihnen, rothaarig wie ein junger Fuchs, zog uns den Minibus in die Garage und verlangte für Reparaturen einen solchen Preis, dass Nin Tränen aus den Augen flossen, und Bo flüchte entsetzlich. Uns mangelte es nicht an Geld, wir hatten zur Seite gelegt, und unterwegs waren wir ziemlich sparsam. Aber es war einfach unfair, so viel zu verlangen, nur um eine kleine Fehlfunktion zu beheben.

Schade, dass ihr nicht dabei wart, als wir die Autowerkstatt ausraubten. Es war total lustig! Und den Minibus haben sie uns perfekt neu lackiert.

Schade, dass ihr nicht mit uns wart, als unser nunmehr rotes Buslein in großem Stil in einen großen Weihnachtsnebel fuhr. Im Nebel wird alles anders, ungeahnt, fast wunderschön, wie in den Märchen, die wir mal unseren Kindern erzählt hatten. Wir haben versucht, sie nach der Flucht anzurufen, die Kinder, ihnen zu sagen, dass es uns gut ging und sie sich keine Sorgen machen sollten. Bos Töchter schrien ihm ins Ohr, er solle aufhören, ihnen das Leben kaputt zu machen, und zurückkehren wo er hingehörte. Nins Sohn war unerreichbar, und mit ihrer Schwiegertochter war sie noch nie gut ausgekommen, also rief sie sie nicht an. Ich hatte niemanden, dem ich über mein Wohlergehen berichten könnte, und die Nummer der Verwandten von Leontiev war uns nicht bekannt.

Wie schade, dass ihr euch damals nicht mit uns im Nebel verlaufen konntet. Fasziniert verloren wir die Richtung zurück zum Buslein, verloren die Hunde und um ein Haar verloren wir Leontiev. Wir waren kurz davor, um Hilfe zu rufen, doch Bo, der Oberst, ein großer Held und Genie der Orientierung, ebnete uns den Weg und fand unser Buslein. Dort warteten schon die beiden Hunde. Schade, ihr konntet nicht mit uns spüren, wie man euch vermissen und sich aufs Wiedersehen freuen kann.

Schade, dass ihr nicht dabei wart, als wir den Berg erklommen, um dort die Sterne zu sehen. Der Berg war nicht so hoch, doch unser Weg war schwer, irgendwann mussten wir sogar Leontiev im Gebüsch verstecken und ohne ihn weiter gehen. Nin und ich fanden uns ein paar Stöcke und gingen weiter mit ihrer Hilfe, und Bo hatte seine Krücke. Wir munterten uns auf mit bissigen uralten Witzen, und alle zehn Minuten ruhten wir uns aus. Als wir den Gipfel erreichten, konnten wir fast 'ne Stunde lang nicht zu Atem kommen. In der Nacht war uns bitter kalt, und wir erinnerten uns sehnsüchtig an den Rum, den wir an der See nicht getrunken hatten – nun käme er uns sehr gelegen. Yo-ho-ho, dumme Piraten.

Schade, dass ihr die Wintersterne auf dem Berg nicht gesehen habt.

Schade, dass ihr nicht mit uns wart, als die Prügelei losbrach. Unsere Gegner hatten zwei Mädchen bedroht, die nicht mit ihnen gehen wollten. Es war eine epische Schlacht! Oberst Bo schlug die Feinde mit seiner Krücke, er war großartig, und Nin schwang geschickt ihre rote Tasche gegen die Angriffe der beiden Kerle. Ihr strenger Haarknoten fiel auseinander, ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten. Niemand hatte jemals eine solche Nin gesehen! Wie grimmig unsere Hunde kämpften, diese kleinen Mischlingsköter, die in ihrem ganzen Leben nicht einmal 'nen Floh sich aus dem Bein gebissen hatten. Sie schnappten an den Feinden, und ihre Bisse glichen denen eines Skorpions, ihr Knurren hätte sogar einem Tiger Angst eingejagt. Mir blieb es lediglich, die beiden Mädchen zu beruhigen, die von den von uns verscheuchten Idioten belästigt worden waren.

Schade, dass ihr die Blicke nicht sehen konntet, die diese Mädels dann auf unseren prächtigen Bo warfen!

Dann hätten wir ärztliche Hilfe gebraucht. Bos Arm wurde taub und weigerte sich, die Krücke zu halten – nicht nur zum Kampfe, sondern gänzlich, so dass Bo sich nunmehr kaum fortbewegen konnte. Nins Zucker schellte hoch so wie mein Blutdruck. Die Hunde atmeten schwer und wimmerten leise am Boden des Minibuses, sie hatten es auch abgekriegt, die tapferen Köter.

Wir gaben nicht auf und gingen nicht zu den Ärzten. Wir gönnten uns stattdessen den Erste-Hilfe-Kasten und eine Flasche billigen Cognac aus dem nächsten Geschäft. Es war der beste Abend unseres Lebens. Schade, dass ihr unseren Triumph nicht geteilt habt.

Schade, dass ihr nicht mit uns wart, als Bo starb. Da hatte Nin etwas Angst gekriegt und wollte zur Polizei. Aber ich habe sie überzeugt, dass wir es selbst schaffen mussten. Es hat lange gedauert, doch wir begruben Bo im frostigen Boden – der eine Leontiev war uns im Auto genug. Wir fanden sogar einen großen Stein und schrieben Bos vollständigen Namen drauf, aber als wir uns vorstellten, wie fuchsteufelswild er wäre, diesen "Boris Arkadievich Zaychik" zu sehen, schmierten wir alles zur Hölle weg und ließen nur "Bo" da stehen.

Echt schade, dass ihr nicht dabei wart. Jetzt werden wir den Ort gar nicht mehr finden, an dem unser Bo begraben liegt, ein Oberst, Nörgler und wahrer Freund. Die Hunde, denen Leontiev egal war, jammerten über seinem Grabe...

Wir dachten nach, ruhten uns aus und begruben dann auch Leontiev. Nach so einer langen Reise war er nicht mehr in guter Verfassung. Die Trage ließen wir daneben stehen, und den Cognac tranken wir dann später im Motel zu Ende, sonst wollte Nin sich kategorisch nicht ans Steuer setzen.

Schade, dass ihr nicht dabei wart, als wir weiterfuhren. Wir übernachteten in Motels, Hostels und direkt im Buslein – nicht jede Herberge ist bereit, zwei nicht zu saubere Straßenköter mit aufs Zimmer zu lassen, und wir ließen unsere Hunde für keine einzige Nacht allein. Ihr wart nicht bei uns, als wir uns alle zwei Stunden am Steuer wechselten und an jeder Säule anhielten, die wir näher sehen wollten. Wir wanderten durch Museen und Innenhöfe, froren im Winterwind, wärmten uns auf mit dünnem Pappbecherkaffee, ruhten uns auf Bänken und saßen Anfälle auf Bordsteinen aus, stiegen langsam die Treppen und Brücken hinauf, um so lange oben zu stehen, wie nötig war, um Luft zu holen und unseren zitternden Beinen etwas Rast zu geben. Dann gingen wir wieder nach unten. Wir warfen Steine ins Meer und die Seen und baten freundliche Polizisten, uns falsches Parken und den Mangel an Papieren für das Buslein zu verzeihen. In Supermärkten stahlen wir Schokolade – nur so, zum Spaß. Nin und ich waren immer äußerst rechtschaffen gewesen, jetzt waren wir dessen todmüde.

Ihr wart nicht bei uns, als vierzig Tage seit Bos Tod vergingen und wir den Tränen endlich freien Lauf ließen. Wir saßen in einem fremden, unwirtlichen Hof und weinten, umarmt. Ein paar nette junge Leute kamen auf uns zu und versuchten uns zu trösten. Sie schafften es, wir verbrachten die Nacht in irgendeiner Wohnung, hörten uns seltsame Lieder an, die es in unserer Jugend nicht gab, und rauchten Marihuana zum ersten mal. Am Morgen schworen uns Nin und ich, dass wir Bo niemals davon erzählen würden. Weder über Tränen noch über den Joint.

Schade, dass ihr noch nicht wisst, wie viele wundervolle Menschen uns umgeben.

Schade, dass ihr gerade nicht bei uns seid. Wir sitzen in einem Café am Rande der Stadt, aus der wir letzten November, vor nur vier Monaten, geflohen sind. Auf dem Tisch steht eine große französische Presse mit dem stärksten Kaffee (ich habe hohen Blutdruck), viele kleine süße Törtchen (Nin hat Diabetes), ein riesiges Sandwich mit Salzgurken und scharfer Sauce (Bo muss sich vor nichts mehr fürchten) und ein großer Teller mit ekelhaft aussehendem Brei (Leontiev bleibt auch nach dem Tod ein Langweiler). Den beiden Hunden brachte die süße Kellnerin eine ganze Schüssel Fleischschnipsel, und unter unseren Füßen ist es ziemlich laut und schmutzig.

Vor einer Woche haben wir es riskiert und euch eine Nachricht geschickt. Eine sinnlose lächerliche nette kleine Postkarte. Die Pflegerinnen werden nix verstehen, doch einer von euch, einer, der es bis März auf grauen Laken lebend geschafft hat, wird es sicher kapieren. Auf der Karte steht keine Absenderadresse, aber der genaue Zeitpunkt, zu dem unser rotes Buslein direkt vor den Fenstern eures gottverdammten Heims zum Stehen kommt. Und falls einer von euch es so sehr bedauert wie wir, dass ihr nicht bei uns wart, sind wir bereit, ihn diesmal mit uns zu nehmen.


*

Tags: малая проза, переводы, творчество
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